Über Gehalt und Kindheit.

„Ich komm nicht an gegen den Mann, ich-ha-be-kei-ne-Chance!“
„Was genau passiert?“
„Ich will ihm klar machen, dass ich für meine Position deutlich unterbezahlt bin! Gerade im Vergleich zu meinen männlichen Kollegen! Aber … ich bin wohl… naja,… nicht sehr überzeugend. Der braucht nur einen Halbsatz, um mich eiskalt abfahren zu lassen. Und dann schleiche ich wie ein begossener Pudel aus seinem Büro.“
„Wieviel schätzen Sie? Was bekommen Sie als Frau weniger, so vergleichsweise?“
„Ein Kollege, mit dem ich mich gut verstehe, hat mir mal sein Gehalt genannt. Ich liege wohl um die dreißig-fünfunddreißig Prozent unter den Männern hier, bei gleichen Aufgaben und gleicher Verantwortung.“

Lea ist Ende Dreißig. Sie ist korpulent, ohne jeden Geschmack gekleidet, wirkt unsicher und verkniffen: „A grey person“ nennt man so jemanden im Englischen. – Ungeschminkt sitzt sie da, die schwarzen Haare lieblos geschnitten und ungepflegt, die Hände auffallend teigig. Nicht gerade sympathisch, so kommt sie bei mir an. – Eine Information, die man nicht unterschätzen sollte:
Ein Mensch, so scheint mir, der alles daran setzt, unscheinbar zu sein und bloß nicht wahrgenommen zu werden.

„Können Sie mir etwas dazu sagen? Was passiert in Ihnen, wenn Sie solch ein Gespräch führen?“
„In mir??? Was soll da sein?“
Deutlicher kann man die eigene Selbstwahrnehmung nicht beschreiben: Nada. Niente. Zero.
„Was haben Sie für Gefühle dabei?“
„Gar keine…“, grübelt sie, während ihr über jede Wange eine Träne läuft. „Ich spür da nichts. – – – Was soll ich´n da auch spüren, hey?“

Behutsamkeit ist angesagt, doch ist auch dies eine wertvolle Information: Die Klientin nimmt eigene Gefühle nicht (mehr) wahr. Dass diese dennoch existieren und in ihr umarbeiten, zeigt sich an den Tränen. Hier, so scheint es, hat sie etwas abgespaltet. Der sogenannte „dissoziierte“ Gefühlsanteil wirkt im Verborgenen: hochaktiv, hemmend, möglicherweise auch zerstörerisch.
Da hat ein Mensch sich unter immensem Leidensdruck regelrecht „nach innen geklappt“. Die Gefühle, die sie MIR eingangs machte, sind in Wirklichkeit ihre eigenen, die sie unbewusst nach außen überträgt: Ich bin nervig und nichts wert. Mir steht nichts zu. Am liebsten ist mir, man übersieht mich. – Ideale Voraussetzungen für ein Gehaltsgespräch.

Die Frau, so sehr sie auch „dichtgemacht“ hat, liegt vor einem wie eine offene Wunde. Was verborgen werden soll, ist sichtbar, auch wenn es im Inneren verdrängt wird. Für ihren Chef ist sie eine leichte Beute.

In den folgenden Sitzungen wird die Mauer noch dicker und höher: Lea schwadroniert über alles Mögliche. Nörgelig rattert sie immer und immer wieder die gleiche Serie von Begründungen herunter, warum ein besseres Gehalt für sie doch „nur gerecht“ sei. Meist endet sie mit „…oder meinen Sie doch auch, oder?“
„Brauchen Sie meine Zustimmung, um für sich selbst etwas zu verlangen?“
Irritiertes Schweigen. Dann startet die Begründungsorgie von vorne. „… oder meinen Sie doch auch, oder?“

Beginnt man sich als Coach hilflos zu fühlen, ist dies mitnichten ein Beweis der eigenen Unfähigkeit. Vielmehr ist diese Wahrnehmung wesentlich: Jemand verhält sich – unbewusst gesteuert – so, dass du nicht mehr weiterkommst. Du wirst blockiert. Genau dies erfüllt mit absoluter Sicherheit einen verborgenen Zweck. – – Wir übersetzen dieses Verhalten mit: Bleib mir bloß vom Bein! Ich verberge etwas, das für mich äußerst schmerzvoll und entblößend ist. Rühr da bloß nicht ran, ich ertrage den Schmerz nicht, den du damit freilegen würdest! – Widerstand ist eben kein mieser Trick der Betroffenen, sondern Ausdruck einer seelischen Not.

Wo alles nur noch zäh ist, hilft Zähigkeit. Ich will herausfinden, was in Lea passiert, wenn sie ihrem Chef gegenüber sitzt. Doch anstatt ihre Empfindungen zu schildern, verrennt sie sich immer wieder in Negativbeschreibungen ihres Vorgesetzten. – Schau ich nach draußen, brauch ich nicht nach drinnen zu schauen. Die tiefere Botschaft ist: Ich bin nicht so wichtig, die anderen sind es. Fast panisch wehrt sie ab, wenn es darum geht, was in ihr selbst vorgeht.

„Wer ist der Mann, den Sie sich vom Leib halten wollen?“
„Welcher Mann denn?“
„Genau: welcher Mann?“
Für den Bruchteil einer Sekunde verzerrt ihr Gesicht sich zu blankem Hass. Sie wird bleich, nickt mit zusammengepressten Lippen.
„Ich meine den Mann, der Sie so sehr verletzt und herabgesetzt hat, dass Sie es nicht mehr wagen, für sich selbst zu sorgen.“
„Diese Drecksau!“ Die ganze Frau bebt. „Kann ich da wirklich drüber reden?“, fragt sie linkisch. „Ich hab da noch mit niemandem drüber geredet.“
„Dafür bin ich da.“
„Ich hatte immer Angst, Sie schmeißen mich dann raus.“
„Wenn Sie von mir Aufmerksamkeit fordern, soll ich Sie rausschmeißen?“
Wieder kullern Tränen. Ihr Gesicht leuchtet feuerrot. Gründlich verdrängte Emotionen sind in Bewegung gekommen.
„Kann ich wirklich drüber reden?“
„Hier zählen nur Sie.“

Dann redet sie. Erst stockend, dann immer flüssiger, dann berstend vor Emotionen, ohne Unterbrechung, volle fünfundvierzig Minuten lang. „In mir??? Was soll da sein?“, hatte sie anfangs gesagt.

Sie war fünf, als die Eltern sich trennten, weil die Mutter einen neuen Partner hatte, mit dem sie wenige Wochen nach der Trennung zusammenzog. Der Verlust des Vaters traf Lea hart, denn sie liebte ihn abgöttisch. Doch als Folge seiner Ehekatastrophe zog der Daddy Hunderte von Kilometern weit weg, und das verstand die kleine Lea überhaupt nicht mehr: Hat er mich nicht mehr lieb? Bedeute ich ihm nichts mehr? So wenig bin ich ihm wert? Verstört und allein gelassen, zog sie sich in ihre Kinderseele zurück. – Doch kleine Mädchen wollen geliebt werden, sie brauchen ein gegengeschlechtliches Identifikationsobjekt, sonst nehmen sie Schaden.

Nach einer längeren Phase schweigender Verstörtheit regte sich Leas Kinderseele: Sie brauchte einen Papi, und immerhin war da jetzt einer. Also umwarb sie mit ihrer ganzen Zuneigung den Stiefvater. –  Dem allerdings war sie nur lästig, und mehr als einmal bekam sie mit, wie er von ihr als dem „Bankert“ sprach. Er behandelte sie roh und gefühllos, ein lästiges Mitbringsel eben, das er nicht los wurde. – Das Kind eines anderen: Männliche Löwen töten die Nachkommen des Vorgängers, männliche Menschen töten nicht selten die Seelen der Unschuld und zeichnen sie damit fürs Leben.
Lea jedenfalls suchte immer und immer wieder seine Nähe und wurde dafür stets nur heruntergemacht.


Als wäre es nicht schon schlimm genug gewesen: Die Mutter, für die es das Wichtigste war, „einen Mann im Haus“ zu haben, stand ihrer Kleinen niemals bei. Sie drangsalierte das Kind nicht, doch schritt sie auch nicht ein, wenn der Stiefvater es regelmäßig verbal in den Rinnstein trat. Schließlich war er ja „Familienoberhaupt“. Ungeliebt und verraten, zog Lea sich weiter und weiter in sich zurück, bis sie „überhaupt nichts mehr spürte“. – Ihre seelische Überlebensstrategie für die Grausamkeiten der Erwachsenen: Geschehnisse einfach ausblenden. Dass Selbstwertgefühl sich unter solchen Umständen nicht entwickeln konnte, ist klar. Doch ebenso wie sie die zahlreichen Kränkungen und Entwertungen abspaltete, spaltete sie sich auch selbst ab. In dieser Karikatur von Familie war sie nur „sicher“, wenn sie unsichtbar blieb, nicht auffiel, die Erwachsenen bei nichts störte, nichts für sich selbst verlangte. In ihrer kindlichen Verzweiflung verdrängte sie sich selbst.
Auch als Coach hätte man bisweilen Lust, so richtig dreinzuschlagen.

So offenbarte sich hier nicht nur die Ursache ihrer äußerlichen Vernachlässigung, sondern auch für die Atemnot und die Kopfblockade, die sich schlagartig einstellten, sobald sie ihrem Chef gegenüber saß und etwas für sich verlangte. Es bedeutete den völligen Bruch mit dem frühzeitig eingeübten System ihres Selbstschutzes: Den Kopf herausstrecken und rufen „Hier bin ich und ich brauch was!“  Da sie die durch den Stiefvater erworbenen Ängste sofort auf den Chef projizierte, war ihre Angst vor erneuter Abweisung und erneuter Demütigung so stark, dass genau dies zur Reproduktion ihrer Traumatisierung führte: Lea war wieder einmal schutzlos.

Wir arbeiteten ein gutes Jahr zusammen. Dann entdeckte sie die Frau in sich, nahm ab und begann sich zu pflegen: Lea war etwas wert, und Lea stand etwas zu. Schließlich wurde ihr klar, dass sie in der bisherigen Firma ihren Wert vergeudete, und so schmiss sie dort einfach hin. Später meldete sie sich aus ihrer neuen Position und hängte ein Foto an, auf dem sie nicht mehr wiederzuerkennen war. Auch ihr unübersehbares Fitnessprogramm war Ausdruck ihres neugewonnenen Selbstwerts. Dann verlor sich unser Kontakt.


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