Ein paar Gedanken zum Klopapier.

Beeindruckend und wundersam zugleich, wie die Deutschen in höchster Corona-Not ausgerechnet Klopapier gehamstert haben, trotz verzweifelter Statements von Bundesregierung und Einzelhandel, die Versorgung mit dem stilbildenden Luxusgut sei gesichert! Bringt einen ja schon zu Reflexionen über die deutsche Volksseele, wenn man sich vor Augen hält, dass die Franzosen sich lieber mit Rotwein und Kondomen versorgten.

Grund genug jedenfalls, sich Panikkäufe dieser Art unter einem analytischen Blickwinkel anzusehen: Was löst solch heftige Reaktionen aus? Wovor hat da jemand Angst? Was für Horror-Fantasien schwirren in den Köpfen dieser Leute herum? – Die Antwort ist – pardon! – stinkeinfach: Ohne Klopapier dazusitzen, im edelsten Wortsinne. So können wir festhalten: Die Vorstellung ist vielen Bundesbürgern so unerträglich, dass sie Kurzschluss auslöst und zum Verfall sozialer Verhaltensnormen führt: Nicht mehr „wir gemeinsam“ kommen durch die Pandemie, sondern „Hauptsache ich und die Meinen!“ Ein krasser Gegensatz zu unseren beneidenswerten Nachbarn, die sich andere Prioritäten gesetzt haben und somit vorausschauend sicherstellten, dass das Wichtigste im Leben nicht zu kurz kommt: Und das ist offensichtlich nicht die Verdauung, sondern die Liebe á la Francaise. Lieber ohne Klopapier als ohne Wein und Kondome, das andere kriegen wir irgendwie hin! Welch Heldentum in schwieriger Zeit!

Wäre ein Leben ohne den zivilisationserhaltenden Zellstoff also „möglich, wenngleich sinnlos“ (Loriot), oder was genau produziert diesen Wunsch nach Absicherung gegen den schlimmsten aller vorstellbaren Fälle? Ausschließen können wir den Wunsch, ein hochpreisiges Produkt für kurze Zeit besonders günstig zu erwerben. Black Friday für Klopapier? Überzeugt mich gar nicht; wobei „black“ ohnehin ein Hinweis auf massive Darmblutungen wäre. – – Okay, ich habe meinen Fernseher mit 50% Discount gekauft und mich dabei von einem Moment zum anderen entschieden. Das jedoch lässt sich als Erklärungsmodell nicht übertragen: Die Leute rennen ja nicht, weil´s das sehnsuchtsvoll überhöhte Hakle, Kleenex, Presto, etc. zum einmaligen Sonderpreis gibt, sondern weil´s es ÜBERHAUPT gibt. Und damit aus Angst, dass es das irgendwann NICHT MEHR gibt! – Zur Not würden sie auch einen überhöhten Preis akzeptieren, Hauptsache sie kriegen es. Also: Schnäppchenjagd als Motiv überzeugt nicht.

Statusüberlegungen können wir getrost außen vor lassen: Für sowas eignet sich vielleicht ein Ford Mustang oder ein Porsche Targa, aber bestimmt nicht ein deckenhoch gefüllter Raum mit vierlagigen Rollen, und seien sie noch so schmeichelweich.

Doch wie haben wir dann die Antriebe deutscher Hamsterkäufer zu deuten? Die Sorge vor einem Absturz der Lebensqualität kann es ja nicht ernsthaft sein, bei allem Verständnis! Das Problem erscheint komplexer: Es ist dringend, ich muss genug davon zu Hause haben, damit mir nichts passiert! Schlimmstenfalls also hat man – das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen! – keine Möglichkeit mehr zur Reinigung des Analbereichs nach erfolgreichem Ablauf der einschlägigen Körperfunktion. Das mag unangenehm sein, bedeutet aber kein tödliches Risiko. Man bleibt also – scheinbar mangels anderer Optionen – beschmutzt, und die Angst vor diesem Zustand scheint auch die Plünderung ganzer Supermarktabteilungen zu rechtfertigen. Hauptsache wir sind „sauber“, sollen die anderen uns doch am Allerwertesten… Damit erkennen wir, dass hinter Panikkäufen dieser Art, die immerhin schon zur Begrenzung  des Abverkaufs an einzelne Supermarktkunden geführt haben, eine tiefsitzende anale Beschmutzungsangst sitzt. Sie scheint gnadenlos zu sein: Tatsächlich gab es ja schon verbale und körperliche Auseinandersetzungen um ein Papier, ohne das „der Deutsche“ sich offensichtlich nicht für überlebensfähig hält. Es erinnert einen an den Aufstand der Amerikaner gegen Beschränkungen des freien Waffenkaufs.
Somit halten wir mal fest: „Popo voll – ist bäh!“ Was soll ein derart eingeschüchterter Mensch dann auch mit Rotwein und Kondomen? Macht ihn der sauber? Schützt ein Kondom vor Strafe? – Im Gegenteil: Wir sind dem Untergang geweiht!

Es muss also eine tiefsitzende anale Beschmutzungsangst sein, die den phantasierten Zustand hilflosen Sitzens ohne Papier nicht nur als lästig und ärgerlich, sondern als über den Moment hinaus reichende schwere Bedrohung erlebt: Life ends here. Hier komm ich nie wieder weg! – Das Problem ist nur: reale äußere Gefahren sind beim besten Willen nicht erkennbar. Die Strafbarkeit eines ungewischten Hinterteils ist bisher vom Deutschen Bundestag noch nicht verabschiedet worden. Andere externe Gefährdungen sind weder sichtbar noch riechbar.

Es kann sich demnach nur um einen inneren psychischen Vorgang handeln, und mit Recht werden wir annehmen, dass er sich im Unbewussten der Betroffenen ereignet, denn faktischen Erwägungen verweigern diese Menschen sich hartnäckig und beharren auf ihrer „Notwendigkeit“ mit den seltsamsten, doch immer angstorientierten Begründungen, auch wenn diese  sich noch so „vernünftig“ anhören. Hier also ist eine massive unbewusste Macht am Wirken, die sich bis zum Zwang steigert, so dass der Panikkauf am Ende quasi alternativlos ist.  Wir werden damit annehmen dürfen, dass hier sehr früh implantierte Bestrafungsängste steuernd wirksam werden, und natürlich können diese nur mit analen Vorgängen zusammenhängen. – Vereinfacht gesagt: Wenn nicht alles brav ins Töpfchen geht, wirst du geschimpft oder bestraft, fühlst dich damit ungeliebt und weggeschoben und natürlich lernst du daraus: Schmutzig sein oder gar noch Spaß daran haben, – sowas ist böse, böse, böse.

Weit hergeholt? Wer so argumentiert, wehrt eigene anale Ängste ab und verkennt die mächtigen Wirkstrukturen einer frühkindlichen Prägung, vor allem wenn sie aus Angst bzw. Bestrafungsangst resultiert. Interessant und immer noch aktuell hierzu ein Essay von Sigmund Freud über „Charakter und Analerotik“ aus 1908. Freud deutet darin seine Beobachtungen an Kindern, die während der Sauberkeitserziehung als „schwierig“ gelten, weil sie nicht – wie es die Erwachsenen fordern – zur rechten Zeit ins Töpfchen machen, und er verbindet sie mit dem späteren Charakter Erwachsener, die „drei Eigenschaften zeigen: Sie sind besonders ordentlich, sparsam und eigensinnig“.

„Ordentlich umfasst die körperliche Sauberkeit wie die Gewissenhaftigkeit in der Pflichterfüllung, Zuverlässigkeit auch in Kleinigkeiten. Die Sparsamkeit kann bis zum Geiz gesteigert werden; der Eigensinn kann in Trotz übergehen, ja sich bis zur Wut und Rachsucht steigern.

Diese in der Kultur positiv gesehenen Eigenschaften – zumindest solange sie nicht „übertrieben“ werden – entpuppen sich als Reaktionen auf die ursprüngliche Freude:

– an der Unsauberkeit bis hin zum Kotschmieren – Ergebnis: zwanghafte Sauberkeit

– am Lustgewinn durch die Defäkation (den Stuhl möglichst lange zurückzuhalten steigert diesen Lustgewinn) –Ergebnis: Sparsamkeit und Geiz

– an dem Widerstreben gegen den Kulturzwang, zu tun, was andere wollen – Ergebnis: Trotz und Eigensinn.“  (Quelle: Psychologie heute, März 2020)

So dürfen wir wohl annehmen, dass der übertriebene Zwang zur „Sauberkeit“ das Ergebnis einer verfehlten frühkindlichen Reinlichkeitserziehung ist, und dass der Tadel oder die Strafe der Eltern dem Kind eine frühe Angst vor der Beschmutzung eingehämmert hat: Bin ich nicht sauber, bin ich nichts wert und werde dazu noch bestraft.

Schon in 1930 schrieb Wilhelm Reich in seinem Werk „Charakteranalyse“, die zwanghafte Störung sei „die bisher am besten untersuchte“. Sind also die früheren Verallgemeinerungen über den zwanghaften deutschen „Volkscharakter“ noch aktuell? Ich glaube nicht: Die Mehrheit unserer Bevölkerung hat sich ja recht vernünftig verhalten. Außerdem kann´s mir eh egal sein, –  ich hab ja noch sechshundert Rollen!

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