So spezifisch, wie wir sind.

So spezifisch, wie wir sind.

Bei meinen Vorträgen über Psychodynamik an der Universität Innsbruck mache ich mit den Studenten ein Gedankenexperiment: Ein Elefant baut sich zwischen zwei Bäumen ein Spinnennetz, um damit Beute zu fangen. Erst einmal konstatieren wir, dass zwei massive Baumriesen erforderlich sind, um sein Gewicht von fünf bis sechs Tonnen auszuhalten. Als nächstes finden wir resigniert heraus, dass der Elefant eine Spinndrüse vom Durchmesser eines Kanalrohrs benötigt, um einen Faden zu produzieren, an dem er später entlangkrabbeln kann. So drückt er nun den ersten „Faden“ heraus, massiver als eine Ankerkette, und wartet darauf, dass der Wind diesen zum nächsten Baum hinüberträgt. – Bis das geschieht, ist er wahrscheinlich verhungert, oder er hat Glück, und es gibt einen Hurrikan, der das schwere Tau zum Nachbarbaum bläst, wo es sich hoffentlich von selber festklebt. Nun krabbelt er drauf entlang und beginnt seine Fäden – pardon: Kanalrohre – zu ziehen und sein Netz zu vervollständigen. Hat er das geschafft, setzt er sich in die Ecke seines Netzes von, proportional gesehen, 800 Metern Durchmesser und wartet auf Beute. Nur, Großwild wird nicht so dämlich sein, in solch ein Netz zu laufen. Sollten Insekten dran hängen bleiben, so ist das nur eine Hungerration.

Und im Übrigen ist der Elefant ein Pflanzenfresser. Nix funktioniert, alles umsonst!

Für eine Spinne hingegen ist das Ganze kein Problem. Dafür tut sie sich etwas schwer damit, Bäume auszureißen, was für einen Elefanten eine Frühstücksübung ist. – Auch Eisbären hätten erhebliche Probleme damit, wie ein Schimpanse von Baum zu Baum zu hüpfen. Weißwale fliegen nicht von Blüte zu Blüte, um sie zu bestäuben. Eichhörnchen graben sich nicht am Meeresgrund ein, um auf herabfallende Nüsse zu warten. Da sieht man mal, was alles schief gehen kann.

Warum ist das eigentlich so? Die Antwort heißt „Spezifizität“: Ein starrer Satz angeborener Verhaltensmuster, um das Überleben einer bestimmten Spezies in einer bestimmten Umgebung zu sichern. Dies betrifft nicht nur das „spezifische“ Verhalten, vielmehr bestimmt Spezifizität, wie man als Mitglied einer definierten Spezies auf die Welt blickt, und wie man sich dabei fühlt. – Zurecht dürfen wir annehmen, dass der Blick einer Eidechse auf ihre Umgebung sich deutlich unterscheidet vom Blick z.B. des Vorstandsvorsitzenden der BASF. Aber der fängt ja auch mit der Zunge keine Fliegen, soweit bekannt.

So ist alles wunderbar geregelt in der Natur, Jede*r hat seinen/ihren Platz! Wirklich Jede*r? Oh nein: Die menschliche Spezies! Sie hat ihr festprogrammiertes Überlebensraster abgelegt in dem Moment, wo der erste Affe den Urwald verließ und sich aufmachte, die Savanne zu überqueren. Denn schon wird´s schwierig: Statt von Baum zu Baum zu schweben, muss er sich jetzt aufrichten, um im hohen Savannengras etwas zu sehen und nicht schnell zur Beute zu werden. Sein aufrechter Gang ermöglicht ihm dafür die Entwicklung seiner Vorderpfoten zu feinmotorischen Werkzeugen, die völlig neue Aufgaben übernehmen können. Dafür allerdings sind zusätzliche Gehirnfunktionen nötig, die zu einer Vergrößerung des Gehirnvolumens führen.

Die Gefahren der neuen Umgebung erfordern nun strategisches Planen: Wann muss ich losgehen, um rechtzeitig am Fluss zu sein und mir vor Anbruch der Dunkelheit einen Unterschlupf herzurichten? Muss ich mir Nahrung mitnehmen, und wo krieg ich die her? – Die neuen Herausforderungen führen zu einer Vergrößerung des präfrontalen Cortex, des vorderen Hirnlappens, und damit zu einer weiteren Volumenzunahme des Gehirns. Am härtesten allerdings trifft es folglich die Frauen: der aufrechte Gang führt zu einem Knick im Geburtskanal, – anders etwa als bei einer Katze, einem Lama, einem Reh, wo der Kanal gerade verläuft und das Junge einfach hinten herausfällt. – Als Ergebnis des vergrößerten Hirnvolumens passt der Kopf des Säuglings nicht mehr richtig in die Ausgangsröhre, und so erleiden Menschenweibchen eine sehr schmerzhafte Geburt. Als wäre das nicht schon genug, stellen sich weitere Folgen ein: Durch den aufrechten Gang im Vergleich zum Vierfüßlergang verdoppelt sich die Belastung von Wirbelsäule, Knie- und Hüftgelenken, mit den bekannten Rücken- und Gelenkproblemen. Aufgrund der Nahrungsumstellung – wir zerreißen keine Beute mehr – verkürzt sich der Kiefer. Prompt haben wir keinen Platz mehr für unsere Weisheitszähne! Der Blinddarm, wichtiges Organ eines Pflanzenfressers zur Aufspaltung der Nahrung, wird überflüssig und anfällig für Entzündungen. Der Staudruck der Eingeweide, die nun nicht mehr bauchabwärts hängen, führt zu Leisten- und Nabelbrüchen. Und dazu senkt sich auch noch der Kehlkopf in die falsche Richtung, so dass Atem- und Speisewege sich kreuzen und man sich schnell verschlucken kann, um schlimmstenfalls an der eigenen Nahrung zu ersticken. Zu unguter Letzt verpasst uns der Verlust unseres Fells auch noch nackte Haut und damit ein erhöhtes Verletzungs- und Unterkühlungsrisiko. (Quelle: Burda et al. „Humanbiologie“)

Mental sind die Folgen nicht minder schwerwiegend: Das bisherige „Mindset“ des Humanoiden hat sich außerhalb des Urwaldes schnell überholt. Der Mensch verliert seine Spezifizität, denn sie hilft ihm nicht mehr und wird nun eher zum Ballast, als dass sie ihn schützen würde. So geht er ab jetzt als einziges Lebewesen dieses Planeten durch sein Dasein ohne Rückgriffsmöglichkeit auf ein fest installiertes Programm instinktiver Verhaltensnormen. – Das hat durchaus auch Vorteile! Die Handlungsoptionen des Humanoiden erweitern sich dramatisch aufgrund seiner neu erworbenen Gehirnleistungen. Pythons zum Beispiel würden niemals auf die Idee kommen, ein Starkbierfest zu organisieren. Auch unsere exzessiv erweiterte Überlebensfähigkeit bedeutet einen Ausbruch aus dem ursprünglich ererbten Muster: Ob Mitteleuropa, Arktis, Wüste, Dschungel oder wo auch immer. Während die meisten Spezies in einem „unspezifischen“ Biotop sofort eingehen würden, entwickelt der Mensch ausgefeilte Überlebenstechniken. Diese schuldet er seiner Fähigkeit zu strategischem Denken: Fahre ich in die Arktis, bereite ich mich, meinen Proviant, meine Ausrüstung sorgfältig vor; in Wüste oder Dschungel nicht anders. Wir denken voraus und planen, um Risiken zu minimieren.

Doch gibt es auch erhebliche Nachteile, die bis zum heutigen Tag auf Jede/n von uns einwirken. Oder haben Sie jemals einen Frosch gesehen, der über seinen Platz im Leben sinniert? Der Verlust eines festen und schützenden Verhaltens- und Empfindensprogramms führt zwangsläufig zu einer tiefsitzenden, unbewussten Angst und Verunsicherung, die man heute noch bei jedem Individuum beobachten kann: Der Grundzustand ist Orientierungslosigkeit, die durch individuelle Sinnsuche und nicht zuletzt Identitätssuche kompensiert werden muss. Schlüpft eine Schildkröte aus ihrem Ei, weiß sie, was sie als Nächstes zu machen hat. Beim Menschen hingegen ist es ein jahrelanger Werdungsprozess, der uns nicht zuletzt die Stürme der Pubertät beschert. Gefestigte Persönlichkeiten finden sich oft erst nach zwei bis drei Jahrzehnten. Auch dann aber bleibt das System unvollständig: Mangelnde Impulskontrolle kulminiert in Konflikten und Gewalttätigkeiten. Das Triebgeschehen folgt keinem festen Reproduktionsprogramm mehr: Sein Kontrollverlust führt zu Sexualdelikten aller Art; auch wachsen die Ansprüche an die Erlebnisintensität und -varietät, so dass allerlei Hilfsmittel und – pardon! – reproduktionsfremde Praktiken einerseits zu einer Intensivierung des Erlebens führen, andererseits aber auch zu einer auffallenden Hypersexualisierung der Gesellschaft, bis in die modernen Medien hinein. Summarisch betrachtet besteht die Zivilisationsleistung des Humanoiden darin, dass er/sie ständig Konflikte zu bewältigen hat zwischen seinem Impulsverhalten (Stammhirn) und seinen moralischen Einsichten (präfrontaler Kortex). Freud beschrieb es so: Das „Ich“ leistet ständige Vermittlungsarbeit zwischen „Es“ (Triebimpulse) und „Über-Ich“ (moralische Instanz). Ein anstrengender Vorgang, der oft genug schief läuft.

Unter diesem Blickwinkel sollte man sich ruhig einmal die menschliche Neigung zu festen Ritualen und Verhaltensnormen betrachten. („Der Deutsche kennt keine Schwäche!“ bzw. „Ein Schalker geht nicht zu einem Dortmunder!“, etc.) Es zeigt nur zu deutlich, dass die menschliche Sehnsucht nach der Geborgenheit in einem festen Rahmen kaum zu stillen ist. So erklären sich Unternehmenskulturen, die ja ebenfalls von einem Verhaltens- und oft auch Denk-Code bestimmt sind, genauso wie Trinkrituale oder Vereinsmeierei, wie Karnevalsbräuche und politische Zeremonien, deren inhaltsleere Starrheit einen oft genug verwundert. In allen Fällen wird ein innerer (!) Rahmen geschaffen, der uns vermittelt: „So ist es richtig, so verhält man sich!“ Man denke an die Anpassungsleistung des Kleinbürgers oder auch an die „Heiligung des Symbolhaften“ (Alfred Adler) in religiösen Gemeinschaften, deren Seltsamkeit man als Außenstehender oft genug belächelt.  

Als Faustregel darf man durchaus sagen: Je größer die unbewusste Angst desto rigider das System. So ist das Stärkegebaren von Rockergruppen nur die kompensierte Lebensangst derer, die es nicht geschafft haben. Am ausgeprägtesten jedoch zeigen es gewalttätige Radikale, die sich ihre falsche Geborgenheit schaffen, indem sie hassen und damit demonstrieren, wie entwertet sie sich selbst fühlen. Wer einmal die dümmlichen Rituale von Rechtsradikalen beobachtet hat (Hitlergruß, Heilrufe, Headbanging, Judenhetze als verbindende „Normen“), der wird sich eine Schlussfolgerung erlauben dürfen: Hier wird die in der Evolution verloren gegangene Spezifizität substituiert, um der durch ihren Verlust erzeugten Angst etwas Greifbares entgegenzusetzen. So also haben wir von religiösen Eiferern á la ISIS über Evangelikale, Schützen- und Sportvereine, politische Parteien und Hooligangruppen ein verbindendes Element: Es ist der feste Rahmen, vordergründig definiert als „Gemeinschaftserlebnis“, der eine Gruppe von Individuen zusammenhält und ihnen wenigstens teilweise Sicherheit und Orientierung vermittelt. All das, weil die Evolution ihnen das starre Korsett ausgezogen hat und sie sich dringend eines wünschen. – Nur wenige Individuen, die sich von der Gruppe absondern, indem sie „ihr eigenes Ding machen“, finden den Halt in sich selbst. Oft genug auch nur vorübergehend.

Freud-Schüler Carl Gustav Jung hat es einmal so beschrieben: „Wir haben keine Buschseele mehr, die uns mit einem wilden Tier identifiziert. Unsere direkte Kommunikation mit der Natur ist zusammen mit der damit verbundenen beträchtlichen emotionalen Energie im Unbewussten versunken.“ Dort beschäftigt sie uns bis heute.




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