Ein paar Gedanken zum Rassismus.

Ein paar Gedanken zum Rassismus.

Stellen wir uns einfach vor, ich hätte drei oder vier erwachsene Söhne, und ich würde denen sagen: Gehen wir doch mal zu den Benders nebenan, bringen den Bender um, vergewaltigen seine Frau und seine Töchter, rauben Schmuck und Bargeld, zünden das Haus an und verkaufen seine Töchter an ein Bordell! Dann wird Jedem*r einleuchten, dass ich das unmöglich wie folgt begründen kann: Das sind nämlich wirklich zauberhafte Leute! Er ist ein hochgebildeter Gentleman durch und durch, seine Frau eine wunderbar warmherzige Person, die für Jeden ein freundliches Wort hat, und seine Töchter sind allerliebst, dazu noch höflich und richtig toll erzogen! – Im Gegenteil, ich muss über die Familie Bender herziehen, sie sei das Allerletzte, der mieseste menschliche Abschaum – dies belegt durch eine Reihe abwertender Gerüchte – und ihre Ausrottung sei daher geboten. – Andernfalls riskiere ich, dass meine Mittäter Gewissensbisse kriegen und sich auch von der lockenden Beute nicht für die Tat gewinnen lassen. Und immerhin: für die verkauften Töchter gibt´s ja cash!
 
Will ich auch in der Nachbarschaft Verständnis und Zustimmung für meine Mordbrennerei finden, so wird es sinnvoll sein, bereits im Voraus entsprechende Gerüchte zu streuen und für allgemeine Geringschätzung der Benders zu sorgen. Oder ich weise darauf hin, dass die Meiers und Kaisers nebenan genau dasselbe Pack seien, was die Wegnahme ihres Reichtums zwingend erfordere: Dieser sei ja ohnehin nur durch Verschlagenheit, Verschwörung und ihre bekannt miesen Geschäftspraktiken erzielt worden. Dann endlich bekommen auch andere Leute Appetit und tun es mir gleich, so dass ich mich von gemeinsamer Überzeugung und ehrlichem Konsens getragen fühlen kann.

Und schon ergießt sich aus den brennenden Häusern des frisch entstandenen Pogroms ein Strom junger Handelsware in die Bordelle, während die Täter sich am geraubten Reichtum erfreuen und sich gegenseitig zu ihrer hervorragenden Leistung gratulieren: Endlich hat mal jemand aufgeräumt!

Soviel also zu den „kleinen Negerlein“, – denn genau auf diese Weise wurde uns als Kindern noch Rassismus beigebracht: Ursprünglich in einer Zeit, wo es weder Fernsehen geschweige denn Internet gab, und wo die Menschen ausschließlich abhingen von Zeitungen, Büchern und erst viel später vom Staatsrundfunk, da ließ sich den Untertanen alles aufschwatzen. Denn eins ist klar: Wenn ich Truppen nach Afrika schicke, um dort das Gold zu rauben, die Frauen zu missbrauchen, die Hütten niederzubrennen und Millionen von ihnen als Sklaven zu verschleppen, damit ich sie auf einem anderen Kontinent als Gebrauchsgegenstand verscherbeln kann, dann muss ich mich PR-mäßig absichern: Ich muss Zeitungen und Bücher (damals die einzigen Informationsmedien) auf meine Seite ziehen, um eine Atmosphäre allgemeiner Zustimmung zu erzeugen, was aber mit Geld immer gelingt. Würde ich nun erklären, die Afrikaner seien wundervolle Leute, freundlich, herzlich, hilfsbereit, gastfreundlich, dazu kunstfertig und voller überschießender Musikalität und Lebensfreude, – – – dann würde schon mal die Frage aufkommen, wieso man dermaßen nette Menschen denn auf einmal ausrotten solle? Folglich wird man gezielt das Gegenteil über sie verbreiten: Wilde, die im Schmutz leben! Von der Erde fressen! Wo ein Menschenleben absolut nichts zählt! (Ganz im Gegensatz zum damaligen Europa und unseren selbstlosen Eroberern.). Außerdem stecken sie unsere Missionare in den Kochtopf! – Fazit: eine so minderwertige „Rasse“, dass man sie getrost versklaven kann, – ja sogar muss! -, denn ohne uns bringen die nichts zustande! Eher tierähnlich als menschenähnlich, die sollen mal froh sein, dass wir gekommen sind und ihnen das Nötigste (aber auch nur das) beibringen! Diese wichtigen Mitteilungen werden untermauert mit ein paar Schwarzweiß-Fotos, auf denen die abgebildeten „Schwarzen“ richtig ernst oder grimmig aussehen; vermutlich, weil sie nicht freiwillig posieren, sondern unter Zwang, nachdem sie mit Waffengewalt zusammengetrieben wurden. Wahrscheinlich wussten sie auch, was ihnen hinterher bevorstand.

Die industrielle Ermordung der Juden zeigt nicht weniger, wie „prima“ solch ein perverses System funktioniert: Generationen lang hatte man PR-mäßig vorgearbeitet und sie öffentlich nach Strich und Faden diskreditiert, obwohl sie ja schon ewig dazugehörten. Als dann der Holocaust kam, waren Millionen Deutsche bester Stimmung, „dass die endlich mal kriegen, was sie verdienen!“ Im Kölner Karneval gab es einen Wagen, auf dem Juden vom Galgen baumelten, weil dies bekanntlich sehr witzig ist. Die Wohnungseinrichtungen der zur Ermordung Freigegebenen wurde von der Partei günstig verkauft. Die Läden wurden von den anerkanntermaßen ahnungslosen Deutschen regelrecht überrannt. – It´s the economy, stupid!

„Ja, soll ICH mich jetzt schuldig fühlen?!“ Ich erinnere mich nur zu gut an die ganzen miesen Sprüche, die selbst in der Nachkriegszeit nicht versiegen wollten. Verbunden mit der „Feststellung“, dass „der Jud´“ angeblich „schon wieder überall drinsteckt und schon wieder frech wird.“ – Obwohl es bekanntlich kaum mehr welche gab. Die wenigen Überlebenden also waren schon wieder zur „Landplage“ geworden, – das muss man sich angesichts der Dimension dieses Grauens erst mal auf der Zunge zergehen lassen. „Du Saujud´!“, schrie meine Stiefmutter voll hasserfüllter Bewunderung, als der jüdische TV-Moderator Fritz Benscher mal wieder eine seiner scharfzüngigen Pointen losgelassen hatte. Man lachte und hätte doch lieber vernichtet. Dass Benscher durch die KZs gewandert war, interessierte ja nicht.

Und immer noch gibt es Deppen – ein anderer Ausdruck passt nicht – wie diesen Balliet in Halle, die meinen ihr persönliches Versagertum „endlich in die Tat umsetzen“ zu müssen. Die Juden waren´s mal wieder, nur weil sie da sind.
Das Essen kann einem hochkommen. – Nur George Floyd braucht keines mehr, denn der weiße Übermensch Derek Chauvin hat ihm mittels seines Knies die Überzeugung ausgedrückt, dass ein schwarzer Mensch keinen Anspruch auf Atemluft hat, wenn die Polizei anderer Meinung ist.

Abwertung ist eine der klassischen psychischen Abwehrstrategien: Eine Kollegin, die sich nicht flachlegen lässt, wird fürderhin als Flittchen diffamiert, denn sonst müsste man die eigene Enttäuschung akzeptieren und sich noch dazu eingestehen, dass man ihr nicht gefällt. Muss man auf ganz anderer Ebene feststellen, dass man die Juden Jahrhunderte lang unter fadenscheinigsten Gründen schikaniert hat und dass sie darüber nicht nur NICHT schwächer geworden sind, sondern stetig besser, dann kränkt das schon enorm, und es konfrontiert auch mit dem, was man selbst nicht erreicht hat, – eine erneute Kränkung! Nun aber kommt noch die Projektion dazu, ein äußerst gefährlicher Abwehrmechanismus: Gierig sind sie, die Juden, voller Missgunst, ohne Skrupel, und sie schauen voller Verachtung auf uns herab, darum müssen wir sie ausrotten. – Leicht zu erkennen, dass hier die eigenen unzulässigen Impulse auf jemand anderen gelegt werden: In mir selber kann ich solch schandhaften Regungen schlecht bekämpfen, dann müsste ich mir ja eingestehen, dass ich sie habe. Verlege ich sie hingegen nach draußen auf „den Jud´“, dann habe ich freie Fahrt und kann die Sau herauslassen, ich kämpfe ja für eine gute Sache! Auch wenn der/die arme Betroffene gar nicht weiß, was eigentlich los ist. Die Frage nimmt er dann eben mit in den Tod, der Jud´, geschieht ihm eh Recht, gell? Amerikanische Rassisten haben mir überzeugend erklärt, dass das auch auf die Schwarzen zutrifft. Weil es eben immer „zutrifft“, wenn Verdrängung zur Abwehr führt. Millionen der Betroffenen liegen unter der Erde, falls sie nicht gleich in Rauch aufgegangen sind.

Es kann gar nicht anders sein, als dass der Holocaust in seiner Bestialität die Aufarbeitung einer mörderischen deutschen Selbstwertkrise manifestierte. Wer die Deutschen dieser unseligen Zeit kannte und erlebte – und ich tat das nur allzu gut -, der konnte sehen, worum es in Wirklichkeit gegangen war: Auch einmal „jemand“ sein! Herr über Leben und Tod der Unschuldigen spielen! Das Land groß und mächtig machen („Make America Great Again!“). Da ist Massenmord eine vernachlässigbare Größe, schließlich geht´s hier um was Wichtiges! So wichtig, dass alle Maßstäbe zusammenbrachen. Wie sagte mir ein altgewordener SS-Mann vor 25 Jahren: „Wennst du früher an einem Tschechen vorbei´gangen bist, – mei, was haben die ´zittert vor lauter Angst! Und heut? Heut´scheißen s´uns auf den Kopf ´nauf, so frech sind´s wieder ´worden!“ – Ich kenne keinen einzigen Fall bisher, wo ein Tscheche seinen Stuhlgang auf dem Haupt eines Bundesbürgers verrichtete. Könnte es sein, dass hier eigene aggressive (und anale) Impulse projiziert werden, damit eine narzisstische Kränkung wenigstens irgendwie ertragen werden kann? Denn immerhin, bei aller Grandiosität, am Ende haben s´den Krieg verloren, die furchterregenden alten Kämpfer.

Schon sehr bedrückend, wie lange sich kalt strategisch orientierte Politik tatsächlich auswirkt: über Generationen und Jahrhunderte! Das sollte man sich vor Augen halten, gerade in Zeiten, in denen unsere aktuelle Politik nur noch kurzfristig und reaktiv ausgerichtet ist. Die generationenlange Stigmatisierung einer eigenen(!) Bevölkerungsgruppe bekommt man kaum mehr los. Auch mir passierte es in meinen 30ern einmal, dass ich im Gespräch mit einem sehr guten jüdischen Freund zwischen Juden und Deutschen unterschied: es war einem früh eingehämmert worden, und obwohl ich mit aller Kraft später dagegen aufstand, waren wohl gewisse „Wahrheiten“ hartnäckig in meinem Unbewussten abgespeichert. – Was habe ich mich geschämt, in dem Moment damals!

Doch neben der Psychologie gibt es auch eine verhaltensbiologische Komponente, auf die der legendäre Irenäus Eibl-Eibesfeldt einmal hinwies, um sich prompt als „Faschist“ diffamieren zu lassen: Territorialität, Nahrung und Reproduktion sind wesentliche Funktionskomponenten angeborenen (!) menschlichen Verhaltens. Kommt dazu noch der Rudelinstinkt – Fische mit roter Schwanzflosse suchen die Gesellschaft roter Schwanzflossen – dann führt dessen Verletzung durch sogenannte „phänotypisch Markierte“ (also irgendwie anders aussehende) zu einer instinktiven Abwehrreaktion. Sie mag vor Jahrtausenden sinnvoll gewesen sein, heute richtet sie nur noch Unheil an, doch Evolution arbeitet halt langsam. Territorialität heißt: „Sollen hingehen, wo sie hergekommen sind?“ Nahrung bedeutet: „Die kriegen ja eh alles hinten reingeschoben!“ Und Reproduktion bedeutet: „Und auf unsere Frauen, da sind´s scharf! Du kannst abends keine Frau mehr auf die Straß´ lassen!“ Bingo.

„I can´t breathe!“ Offensichtlich nur das Stöhnen eines „Untermenschen“. Die Amerikaner, die sich gegen diesen Jahrhunderte langen Irrsinn stellen wollen, kommen nun urplötzlich aus allen Ecken. Wie häufig, führen Generationensprünge zu quantitativen – und damit qualitativen – Veränderungen. Ihnen entgegen steht die Macht der Bewahrer. Sie folgen armseligen Instinkten, verteidigen die Ausgrenzung kraft phänotypischer Markierung und nicht zuletzt verkehren sie die verdrängte historische Schuld, die nach Bruce Lipton zellulär weitergegeben wird, zur Abwertung der Unschuldigen.

Amerika ist weit weg? Erst kürzlich erzählte mir eine bildschöne junge Portugiesin vom Martyrium ihrer Schulzeit. Türken, Italiener, Slawen, Orientalen unterschiedlichster Herkunft und nicht zuletzt Afrikaner und all deren deutsche Nachkommen singen ein trauriges Lied, das uns immer mehr zur nationalen Schande wird.
Aufstehen, Flagge zeigen und Unterschiede ignorieren, die eh keine sind!

Breathe, breathe, breathe, my brothers!

6 Idee über “Ein paar Gedanken zum Rassismus.

  1. Elisabeth Loehr sagt:

    ….und es reicht nicht zu sagen“ ich bin kein Rassist, sondern man muss aktiv etwas dagegen tun, wie aufstehen, demonstrieren etc. denn schweigen genuegt nicht!

  2. Katja Ruth sagt:

    Wow, ich möchte nur sagen, die Energie folgt der Aufmerksamkeit. Im Moment scheint es mir wichtig zu sein, die Schönheit der Natur, von Mutter Erde und der gesamten Schöpfung, deren Teil wir sind, aufzuzeigen. Aufzuzeigen, dass wir EINE Menschheit sind, es gibt davon keinen Plural. Den Grundstein für eine Neue Welt zu legen, jetzt, heute und hier im Sommer 2020.
    Frieden fängt da an, wo ich mich dazu entschieden habe. Wo ich alles annehme, Vorurteile sein lasse und geduldig und friedlich meinen Weg gehe. Friedliche und fröhliche Grüße sendet

    Die Klimawandlerin®
    Katja Ruth

  3. Georg W. Fink sagt:

    Saustark und aus der Seele gesprochen! Nur schade, dass es die nicht lesen werden, die in dieser schändlichen Denke verhaftet sind!

  4. Thomas Ammermüller sagt:

    Lieber Herr Späth,
    ich habe bereits bei XING kommentiert, dass mir Ihre Art zu denken und zu schreiben sehr zusagt. Dieser Beitrag hier toppt mal wieder. Eine „brutaaaale“ Brillianz, wie der Österreicher zu sagen pflegt, wenn es nicht so ein trauriges Thema wäre. Für 5 Minuten seit März hatte ich die Illusion, dass die Pandemie in der Gesellschaft etwas wegweisendes ändert. Na ja, immerhin 5 Minuten. Wenn Corona und der Tod von George Floyd es gemeinsam schaffen, dass was Herr Kernberg prognostiziert hat, dann war es wenigstens für etwas gut. Diesen Menschen (jeder weiß, wer gemeint ist) braucht man nicht wirklich auf dieser Welt, unsere jüdischen Mitmenschen dagegen sehr. Und auch all die anderen Vertreter dieser Welt, die unsere Welt so bunt machen und bereichern. Liebe Grüße und vielen Dank für diesen Beitrag

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